Opferrolle

,,Wenn möglich könntest du ja auch mal versuchen, die Opferrolle loszuwerden…“

Diesen Kommentar schrieb mir eine Frau unter meinen letzten Beitrag ,, Zu krank für Kinder?“.

Ich möchte dem Thema ,, Opferrolle“ mehr Aufmerksamkeit widmen und dazu Stellung beziehen.

Ja, ich bin in meinem bisherigen Leben mehrfach Opfer von sexueller, körperlicher und psychischer Gewalt geworden. Daraus mache ich kein Geheimnis, denn ich habe lange genug geschwiegen. Es gibt keinen Grund, warum dies tabuisiert werden sollte.

Ab meinem 4. Lebensjahr begannen die traumatischen Ereignisse. Dennoch habe ich mich nie bewusst als Opfer gesehen. Ich habe versucht, irgendwie damit umzugehen und zu überleben, vor allem meine Psyche, in Form von Dissoziationen und anderen Schutzmechanismen. Ich habe gekämpft. Ich habe weiter gelebt, so gut es ging. Der Überlebenswille in mir war stärker als all das Leid, die Gewalt und der Schmerz, die mir angetan wurden.

Natürlich war ich ein Opfer der Menschen, die mir all die Jahre dieses Leid zufügten. Aber ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich wurde dazu gemacht.

Ich habe alles dafür getan, das Opfer in mir zu verbergen und zu eliminieren. Habe verdrängt, geschwiegen und eine Maske aufgesetzt. Trotzdem, oder gerade deswegen zeigten sich die Folgen recht schnell in Form von Ängsten, Panikattacken, Zwängen, Albträumen, Flashbacks etc. Je mehr ich versuchte zu funktionieren und keine Hilfe anzunehmen, umso schlimmer wurde es, bis vor 2 Jahren der totale Zusammenbruch kam. Je mehr ich versuchte, kein Opfer zu sein, umso mehr wurde ich eines.

Erst als nichts mehr ging und mein Leben in Scherben vor mir lag, habe ich mein Schweigen gebrochen. Ich hatte immer wahnsinnige Angst davor, über das, was mir angetan wurde zu reden, denn ich war der Meinung, wenn ich es in Worte fasse, bin ich dieses Opfer, was ich nie sein wollte.

Aber in dem Moment, wo ich endlich anfing zu sprechen, war ich kein Opfer mehr. Das weiß ich heute. Ich konnte Hilfe annehmen, meine Mauer fallen lassen und Ich sein. Ich habe aufgehört vor meiner Vergangenheit wegzulaufen. Ich habe begonnen sie zu akzeptieren und weiter zu leben.

Wenn ich heute in den Spiegel gucke, sehe ich eine starke Frau und darauf bin ich stolz. Ich bin kein Opfer mehr, aber ich schäme mich auch nicht dafür, eines gewesen zu sein.

Hier in meinem Blog schreibe ich offen über meine Krankheiten, meine Sorgen, meine Gedanken und meine Probleme. Dies ist zum Einen meine eigene Art der Verarbeitung und Selbstreflektion, zum anderen möchte ich aber auch für mehr Aufklärung, Verständnis und Akzeptanz in puncto psychische Erkrankungen sorgen. Dass dies so verstanden und ausgelegt wird, dass ich hier eine ,, Opferrolle“ einnehme und mich als solches darstellen möchte, hat mich erstaunt.

Auch wenn ich selbst kein Opfer mehr bin, möchte ich mich dafür aussprechen, dass es keine Schwäche, kein Versagen, keine Resignation oder ein Fehler ist, offen zuzugeben, dass man ein Opfer ist oder war!!! Man muss Opfern eine Stimme geben und mit dem Tabuisieren, Wegschauen und Weghören aufhören. Wir sind eine ,,Wegguck- Gesellschaft“ und wollen von dem ganzen Leid um uns herum nichts wissen. Dass sich eventuell Opfer in unserem Freundeskreis oder gar unserer Familie befinden, daran denken wir nicht mal und wollen es uns auch nicht vorstellen oder gar an uns heranlassen. Das ist mit ein Grund, warum so viele Opfer nicht reden. Sie schämen sich und haben Angst von ihrem Umfeld verurteilt zu werden. Geht´s noch? Die, die sich schämen und im wahrsten Sinne des Wortes verurteilt werden sollten, sind die Täter!

Es ist so wichtig, dass Opfer sprechen, sich Hilfe suchen und sich nicht in ihrer Opferrolle verlieren und dort gefangen bleiben. Aber ich weiß am besten, wie schwierig das ist. Es hat 20 Jahre gedauert, bis ich endlich den Mut dazu hatte.

Verschließt euch nicht vor der Wahrheit.

Danke.

Eure Silvana

 

 

 

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38 Gedanken zu “Opferrolle

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Ich habe den Eindruck, dass die Schemata dieser und weiterer Frauen sich oft sehr ähneln.
    Bei Übergriffen sexueller und psychischer Gewalt wird man unmittelbar tätig, aber selbst, wenn diese Frauen ihre Partner wechseln, wiederholt sich oft die Situation.
    Woran liegt das deiner Meinung nach?

    Gefällt 1 Person

  2. Jan Thomsen schreibt:

    Moin,
    als ich den zitierten Satz gesehen habe sind, ist mir direkt ein Gedanke gekommen den ich hier gerne loswerden möchte.
    Wenn ich höre „Werde mal deine Opferrolle los“ denke ich spontan an Menschen die nicht zwischen aufmerksamkeitsheischendem Jammern und begründendem Erzählen können.
    Ja, ich gebe zu es gibt immer mal wieder Personen die erzählen um zu höre wie schlecht es ihnen geht. Um Aufmerksamkeit zu generieren. Um beachtet zu werden. Das ist für mich in der Opferrolle leben.
    Auf der anderen Seite gibt es Menschen die erzählen, was ihnen passiert ist, damit Leser oder Zuhörer besser nachvollziehen können warum sie so sind bzw handeln. Sie sind Opfer geworden, nehmen aber die Opferrolle nicht an.
    Für mich ist es auch ein massiver Unterschied, wie man damit umgeht.
    Zwischen „Es ist alles so schrecklich was mir passiert ist und ich setze mich nun in die Ecke und lass mich von Allen bedauern“ und „Es ist alles so schrecklich was mir passiert ist und nun zeige ich euch was ich, trotz dieser Vorgeschichte, alles kann“
    Um das unterscheiden zu können, sollte man allerdings genauer hinsehen. Genau das wird aber aber in der schnelllebigen (Internet-)Gesellschaft kaum noch gemacht.
    Was mich direkt zum zweiten Punkt bringt.
    ,,Wenn möglich könntest du ja auch mal versuchen, die Opferrolle loszuwerden…“ klingt für mich nach „Stell dich nicht so an.“
    Vorausgesetzt der Vorwurf ist nicht definitiv gerechtfertigt, dann sagt man damit dem Opfer „Das was du erlebt hast ist alles halb so wild, also stell dich nicht so an“
    Was dann katastrophale Auswirkungen auf den Verarbeitungsprozess haben kann.
    Ich gehe tatsächlich soweit in manchen Fällen von Täterschaft der zweiten Reihe zu sprechen.
    In der momentanen Internetgesellschaft ist allerdings gerne mal Provokation das Mittel der Wahl. Was funktioniert besser als einen Kommentar zu schreiben um Aufmerksamkeit zu bekommen? Richtig, jemanden anderen auf der persönlichen Ebene anzugreifen. Da ist dann Zoff vorprogrammiert.
    Das beziehe ich allerdings nicht auf die Kommentare zu den letzten Beitrag hier im Blog, sondern auf diverse Erfahrungen in sozialen Netzwerken.
    Gruß Jan

    Gefällt 7 Personen

  3. ...der Berliner schreibt:

    Danke Silvana,
    für diese Einblicke und Deine Stimme! Erhebe sie laut und deutlich!
    Ich bin der Überzeugung, dass jeder schon einmal Opfer oder auch Täter war, denn allein durch Mobbing von Spiel- u.Klassenkameraden oder auch im späteren Leben gibt es immer wieder solche Situationen. Auch wenn man ein lästern oder sich lustig machen über einen etwas anderen Menschen nicht gleich als verwerflich bezeichnet, so ist es in meinen Augen doch schon ein Angriff auf die Psyche des Gegenüber.
    Über schlimmere Arten von Gewalt will ich mich erst garnicht auslassen.
    Ich lehne jede Form ab!
    G. l. G. Jochen

    Gefällt 1 Person

  4. Ewa schreibt:

    Hallo Silvana,
    ein starker Beitrag! Meinen Respekt vor solch einer Leistung.
    Du machst das genau richtig. Einmal entschieden, das Leben aktiv in die eigene Hand zu nehmen, verändert Vieles. In erster Hinsicht das eigene Denken. Dass du damit aneckst, weil du sagst, wie es ist, gefällt noch lange nicht jedem. Vor allem gesellschaftliche Denknormen sind da sehr mächtig und werden nicht von jedem reflektiert.
    Der Weg zu einem glücklichen und selbstbestimmten Leben kann manchmal ein recht Einsamer sein, wenn du außerhalb der „Norm“ bist.
    Aber zum Glück gibt es das Internet und viele Gleichgesinnte, die dich auf deinem Weg auch bestärken können.
    Ich wünsche dir viel Kraft und Mut dabei. 👍🏻
    LG
    Ewa

    Gefällt 3 Personen

  5. Ben Froehlich schreibt:

    Die Sache mit der Opferrolle… ich überlege gerade, wo ich hier ansetzen soll. An dem Punkt, dass Kommentare nichts sind, an dem man sich abarbeiten sollte, denn weder die positiven noch die negativen kommen hier von Menschen, die dich kennen. Wie kann ein Ratschlag dann hilfreich sein?
    Du zeigst uns einen Teil deines tiefsten Inneren. Eine Autorin aus meinem Freundeskreis tut dies auch und hat es mal damit begründet, dass sie nicht mehr angreifbar ist, wenn sie alles offenlegt. Du bist niemandem von uns eine Rechtfertigung schuldig und ebenso wenig sollte dir eine wildfremde Person Ratschläge zu deinem Leben bzw. zu möglichen Kindern erteilen. Die Entscheidung liegt dafür bei dir und bei deinem Partner.
    Meine Eltern sind beide keine Opfertypen und dennoch wuchs ich mit Komplexen und Problemen auf. Ich hatte den Wunsch, nicht mehr Leben zu müssen trotz dieser zwei Menschen, die so sicher im Leben standen und stehen. Sie haben nichts falsch gemacht und sie haben alles falsch gemacht. Eltern machen Fehler und Eltern haben ihre eigene emotionale Welt und wachsen an ihren Kindern, zumindest habe ich das bei meiner ehemaligen Mitbewohnerin mit ihren zwei Töchtern gesehen.
    Wir haben so ein Bild vom Leben, dass man perfekt vorbereitet sein muss. Die Uni oder die Ausbildung geht erst nach einer guten, abgeschlossenen Schulzeit. Den Job fängt man dann auch erst mit dem Abschluss an. Und dann stellt man fest, dass das jahrelange Lernen nicht wirklich vorbereitet hat. Es ist gut, dass du deine Probleme angegangen bist und vor allem, dass du ihrer bewusst bist, denn nur so kannst du für andere Menschen da sein, egal ob es Freunde oder die eigenen Kinder sind. Ob und wann du nun Kinder bekommst, bestimmst allein du, frei von Fehlern wird keiner von uns sein.
    Alles Liebe,
    Ben

    Gefällt 2 Personen

  6. Laura Amato schreibt:

    Ich glaube, dass Kommentare wie dieser zustande kommen, weil wir eben nicht nur in der Hinsicht eine ignorante Gesellschaft sind, dass wir vor Problemen gern die Augen verschließen, sondern auch in die andere Richtung: Jeder Mensch, der von irgendwas Opfer geworden ist, sollte das doch bitte möglichst lassen, die Zähne zusammenbeißen und gefälligst so weiterleben, als wäre nichts passiert. Den Eindruck habe ich auch häufig. Man wird dann auf einmal zur Last und zu sowas wie einem „Jammerlappen“, weil man eben darüber sprechen und aufstehen will, aber viele das eben nicht nur nicht sehen, sondern auch nichts davon hören wollen. Da kommt dann ein großes „Tut mir Leid, was dir passiert ist“ aber im gleichen Atemzug ein „Ich wills nicht wissen, du kommst da schon mit klar“ und dann die gutgemeinten Ratschläge, von wegen was vorbei ist ist vorbei und irgendwann solle man am besten aufhören, sich weiter damit zu befassen. Dass Verarbeitung und Drüberreden wichtig und oft leider auch sehr langwierige Prozesse sind, eben weil man als „Opfer“ etwas nicht von einem Tag zum anderen ablegen kann (und natürlich niemals genauso weiterleben kann wie vorher, das geht einfach nicht), wird da schnell leichtfertig abgetan. Natürlich legt man diese Rolle irgendwann, eines schönen Tages ganz von allein ab, sobald man soweit ist. Aber nicht auf Knopfdruck, auch wenn das alle gern hätten. Jeder Mensch muss ja perfekt funktionieren, da ist es schließlich blöd und viel zu anstrengend, sich noch mit denen zu beschäftigen, die leider nicht unversehrt geblieben sind wie der Rest. Da herrscht leider kein bis wenig Verständnis, das bekommt man lediglich da, wo es Gleichgesinnte gibt, die das irgendwie nachvollziehen können. Aber ja, das wird alles zu gerne runtergespielt, vor allem dann, wenn mans nicht kennt. Das „Stell dich nicht so an, mir gehts auch mal scheiße“ ist allgegenwärtig, aber nicht weniger irritierend.

    Gefällt 3 Personen

  7. rosabluete schreibt:

    Sowieso, …so etwas zu schreiben zu jemandem der Probleme mit Depressionen hat. Man fühlt sich eh schon scheiße genug deswegen, dafür muss man nicht mal solche Erlebnise wie du hinter sich haben. Es ist eine Krankheit, das darf man nicht vergessen. Man kann und muss natürlich dagegen ankämpfen, versuchen dagegen anzugehen, aber nicht jedem ist das möglich – nicht mal mit Hilfe von außen. Solche Kommentare machen mich echt sauer!

    Gefällt 2 Personen

  8. Michi schreibt:

    Von Überlebender zur Überlebender…. Das Wort Opferrolle scheint sich irgendwie wie ein Virus zu verbeiten, und wird völlig aus dem Kontext gerissen benutzt, wie jetzt bei dir in dem Kommentar. Nach meiner Erfahrung wird dieses Wort auch hauptsächlich von Menschen benutzt die noch keine sexuellen Gewalterfahrungen gemacht haben, denn gerade die sind bein den Opfern sehr viel mit Scham-und Schuldgefühlen behaftet und man schweigt sein Leben lang und lebt damit. Ich finde du hast das sehr gut thematisiert und getroffen, dank die dafür liebe Silvana 🙂 Denn wir sind nicht nur Opfer gewesen, wir haben all das überlebt, sind noch hier und haben das Leben und nicht den Suizid gewählt… Wir sind Heldinnen!!!!!

    Gefällt 2 Personen

  9. stefanieglaschke schreibt:

    Hallo weiter so! Wenn Opfer sich nicht trauen, sich zu Wort zu melden, wird damit den Tätern geholfen. Erst, wenn das Opfer sich überwindet und vor allem auch den Täter bennenen kann, kann Gerechtigkeit einsetzen. Das Opfer wird in unserer Gesellschaft vollkommen missachtet. Erst wird es verletzt und dann soll es auch noch allein damit fertig werden. Eine Gesellschaft, in der Entschuldigung und Entschädigung die Ausnahme werden, verliert alle Werte der Menschlichkeit. Die wahren Opfer schweigen meist, während die Täter dann auch noch sekundären Krankheitsgewinn kassieren. Opfer, liebe Silvana, spielen keine Opferrolle. Du und all die anderen sind echt, lass dir niemals etwas anderes einreden. Und wer mit einem Opfer nicht klarkommt, sollte sich fragen, warum? Wo liegt sein Problem. Schließlich dränge ich nur weg, was mir gefährlich werden kann. Mach weiter so, für dich und für die ungehörten anderen Opfer auch!
    Einen schönen Abend
    Stefanie

    Gefällt 1 Person

  10. nilibine70 schreibt:

    Tja, das ist ein Kommentar, den Du gleich wieder vergessen solltest.
    Dein Weg ist großartig, bewundernswert und unterstützenswert! Und wenn diese Frau hier weiter mitlesen sollte, wird das auch bei ihr irgendwann ankommen. Vielleicht hat sie ja selbst ein Problem mit sich, mit ihrer Rolle…

    Gefällt 1 Person

  11. o815o schreibt:

    Oh deine Geschichte erinnert mich nicht nur ein wenig an meine 😦 Ich habe mich 15 Jahre versteckt und fast zu Tode gearbeitet, nur im nicht „schwach“ zu sein oder mich so zu fühlen, na ja, es ist natürlich nie genug, und dann legte ich einen Bilderbuch Burn Out mit Anlauf und Ansage hin. Opferrolle, ein mieser Begriff, der gefühlt synonym zu Opfer gesehen wird, kaum outet man sich, wird das indirekt zum Thema und man muss „Beweisen“ das man sich nicht „darauf ausruht“ – gelingt dies, bekommt man Annerkennung für das was man „trotzdem“ leistet. Und da ist schon der Denkfehler, einen Scheissdreck muss man und wenn man nicht offensichtlich funktionieren kann sondern einfach nur vor sich hin überlebt oder trauert oder oder oder, dann ist das genauso gut und Niemand hat das Recht daran herumzudeuteln 😉 Ich habe vor einem Jahr meine Gedanken zum Thema Stigma und der verfluchen Bevormunderei aufgeschrieben und vielleicht sind da auch ein paar Ansätze bei, die dir weiterhelfen. lieben Gruß Karin https://mundwinkel.wordpress.com/2016/03/09/stigma/

    Gefällt 1 Person

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